Aus Fehlern lernen

Wir machen alle Fehler. Aus Fehlern kann man lernen, lautet ein gängiger Spruch. Wichtiger wäre aber beim Bogenschießen sich erst gar keine anzugewöhnen.

Was ist ein Fehler?

Unter einem Fehler versteht man eine Abweichung eines Ergebnisses oder Mess­ergebnisses von einem „wahren„ Wert. Ein Fehler ist also eine Differenz zwischen einem Ist- und einem Sollwert. Unter dem Sollwert ist die Idealtechnik gemeint, und unter Istwert, die tatsächliche festgestellte Technik. Es ist also eine Soll-Ist-Abweichung. Dabei gibt es eine objektive und eine subjektive Sicht der Abweichung.

Objektive Abweichung bedeutet, dass jemand von einer allgemein anerkannten Idealtechnik abweicht. Dabei besteht natürlich das Problem, wer im traditionellen Bogensport so eine Idealtechnik vorgibt. Der Autor dieses Buches orientiert sich in vielen Bereichen an den Techniken der technischen Bogensportdisziplinen, wie Olympic und Compound, und nimmt daher in Anspruch, dass vieles auch im traditionellen Bereich objektiv richtig ist und dem aktuellen Stand im Bogensport entspricht. Ein subjektiver festgestellter Fehler meint eine Abweichung vom Beabsichtigten. Dabei wird unterstellt, dass jemand nicht genau das macht, was er sich vorgenommen hat. Es muss also nicht jede objektiv festgestellte Soll-Ist-Abweichung auch gleich ein Fehler sein.

Unterschieden werden muss auch zwischen einem Fehler und einem Mangel. Ein Mangel besteht dann, wenn es nur geringfügige Abweichungen von einer idealen Technik gibt. In diesem Buch werden beide Begriffe synonym verwendet.

Beachtet werden muss auch, dass es individuelle Techniken gibt. Nicht jeder Schütze schießt genau nach einer vorgegebenen Standardtechnik. Ein individueller Stil kann aber nur für den jeweiligen Sportler gelten und kann nicht verallgemeinert werden (vgl. Müller, 2006).

Eigenschaften von Fehlern
Was zeichnet nun diese Abweichungen aus? Wesentliche Charakteristika von Fehlern sind:

Fehler treten bei Anfängern und Experten auf.
Fehler sind unvermeidbar. Jede Handlung birgt ein gewisses Fehlerrisiko in sich.
Fehler können sich im Ergebnis auswirken oder auch nicht. Man kann trotz der schlechtesten Schusstechnik genau treffen.
Eine
„Fehlerahnung", das heißt, dass man einen Fehler befürchtet, kann zu einem tatsächlichen Fehler führen.

Konsequenzen aus Fehlern
Es ist klar, dass es bei erkannten Fehlern Konsequenzen geben muss. Die Person, die den Fehler erkannt hat, muss natürlich auch wissen, warum der Fehler aufgetreten ist und muss Korrekturmaßnahmen kennen. Stellt der Schütze selbst fest, was er falsch gemacht hat, trifft das genauso zu, wie wenn den Fehler ein Trainer erkannt hat. Oft werden Fehler nur beim Schützen gesucht. Es kann aber ebenso sein, dass der Trainer, Coach oder Kollege ebenfalls in seiner Beurteilung und bei seinen Ratschlägen Fehler begeht. Dieses Buch soll beiden Anregungen geben.

Fehlerursachen beim Schützen
Im Wesentlichen können fünf Fehlerursachen genannt werden (vgl. Müller, 2006):

Der Trainer, Coach oder Kollege hat andere Vorstellungen als der Schütze. Er will mehr, als der Schütze leisten kann.
Oft liegt es an der mangelnden Eigenwahrnehmung des Schützen. Er fühlt sich oft ungerecht korrigiert, weil er nicht einschätzen kann, wie es richtig sein sollte und wie sich eine richtige Bewegung anfühlt.
Wenn der Schütze eine mangelnde oder falsche Vorstellung von der richtigen Technik (= Sollwert) hat, dann wird er die richtige Technik (= Istwert) auch nicht ausführen können. Er muss also wissen, wie es richtig sein müsste.
Wenn ein Schütze nicht die körperlichen Voraussetzungen hat, wird es auch schwer möglich sein, die richtige Technik umzusetzen. Ein Beispiel dafür wäre ein zu starker Bogen.
Hat der Schütze mit psychischen „Störfaktoren„ zu kämpfen, wird eine saubere Ausführung der Technik oft nicht möglich sein. Beispiele dafür sind Targetpanic, Vorführeffekt, Unsicherheit oder auch Angst vor Misserfolg.

Fehlerursachen beim Trainer, Coach oder Kollgen
Auch hier treten Fehler auf und sind nicht zu unterschätzen. Folgende vier Ursachen können bedeutsam sein (vgl. Müller, 2006):

Der Trainer, Coach oder Kollege verlangt zu viel vom Schützen.

Es wird zu früh zu den nächsten Lernschritten weitergegangen, ohne dass die vorhergehenden auch beherrscht werden.
Die Erklärungen sind für den Schützen nicht verständlich.
Der Schütze bekommt zu wenig Zeit, um selbst Erfahrungen zu sammeln.

Fehleranalyse und Fehlerkorrektur
Jeder Fehler hat eine oder mehrere Ursachen. Aufgabe der Fehleranalyse ist es nun, herauszufinden, warum dieser Fehler gemacht wurde. Es ist zu wenig, einfach festzustellen, dass etwas falsch gemacht wurde. Der Zusammenhang zwischen Ursache und der Auswirkung, also dem Fehler, muss gefunden werden. Kann beispielsweise ein Schütze nicht aus der Rückenspannung schießen, so kann der Grund im zu starken Bogen liegen. Es kann aber auch ein körperliches Problem sein. Oder kommt ein Schütze nicht in den Vollauszug, dann kann ein psychisches Problem, beispielsweise Targetpanic (Scheibenangst, Goldangst, Buck Fever) der Grund sein. Von einem Trainer oder Coach wird das erwartet. Nur wer das kann, sollte sich auch im Trainingsbereich betätigen. Von Kollegen hingegen, die Hilfestellungen geben, kann und sollte man das nicht erwarten. Hier hat aber der Schütze oft das Problem, dass weder er selbst noch der Kollege weiß, wie die richtige Technik (= Sollwert) aussieht. Es heißt also hier vorsichtig sein. Am besten wäre es, wenn der Schütze selbst, zumindest in der Theorie, seine richtige Technik kennt.

Fehlerkorrektur meint zuerst einmal eine Unterscheidung zwischen „richtig„ und „falsch„. Vor der Korrektur muss etwas als falsch festgestellt werden. Die Bereitschaft zur Korrektur hängt aber auch davon ab, wie die Analyse formuliert wurde und wie sie beim Schützen angekommen ist. Eine harte Kritik kann bewirken, dass Verbesserungsvorschläge nicht angenommen werden. Auch kann eine nicht begründete Analyse das Gleiche bewirken. „Das macht man einfach so„, kann unter Umständen zu wenig sein. Wird die Analyse hingegen in einer passenden Form und noch dazu begründet gemacht, ist die Bereitschaft etwas zu ändern, wesentlich größer.

Welche Maßnahmen können nun dabei helfen, besser zu werden. Im Wesentlichen sind es fünf Arten von Maßnahmen (vgl. Müller, 2006):

Maßnahmen, die das Wissen um die richtige Technik (= Sollwert) fördern. So kann eine ausführliche Erklärung, warum etwas so und nicht anders gemacht werden soll, dabei helfen.
Maßnahmen, die die Rückmeldung über die Ausführung verstärken. So kann beispielsweise ein Video besser sein, als die bloße verbale Rückmeldung.
Maßnahmen, welche die Komplexität einer Bewegung reduzieren. So können nur einzelne Teile des Schussablaufs, z.B. das richtige Ankern, gesondert geübt werden.
Maßnahmen, die das Verbessern des Bewegungsablaufes erleichtern. Man kann z.B. bestimmte Übungen mit einem schwächeren Bogen machen.
Maßnahmen, die zum richtigen Bewegungsablauf zwingen. Um beispielsweise Verbesserungen in der Schusstechnik sichtbar zu machen, kann man auf einen vertikal aufgehängten Papierstreifen mit rund 10 Zentimeter Breite schießen. Jede Abweichung bedeutet eine unsaubere Schusstechnik.

Fehlerquellen
Abweichungen beim Schießen können mehrere Ursachen haben. Zum einen kann es am nötigen Können liegen. Dann hilft auch das beste Equipment und das beste Tuning nichts. Es können aber auch nur Kleinigkeiten sein, die man – sofern man sie kennt – relativ schnell in den Griff bekommen kann. Weichen Pfeile in der Höhe ab, dann liegt es am Zielen. Hier geht es nur darum, den Bogenarm in den richtigen Abschusswinkel zu bringen.

Hat man Probleme mit der Richtung, gibt es mehrere Möglichkeiten, woran das liegen könnte. Am besten geht man dabei nach der Ausschließungsmethode vor. Dabei versucht man die Fehlerquellen der Reihe nach, jede für sich auszuschließen. Man schaut also, was es nicht sein kann.

Fehlerquelle Bogen
Nicht alle Bögen sind perfekt. Das kann sich unter anderem auch am Schussbild zeigen. Um das festzustellen, sollte man einmal mit einem fremden Bogen schießen. Hier ist dann darauf zu achten, ob man mit diesem Bogen Gruppen schießen kann. Es geht also nicht darum in die Mitte zu treffen, sondern nur darum, ob die Pfeile, wenn ich auf die Mitte einer 40er-Auflage ziele, schön in einer Gruppe – egal wo – stecken. Mache ich das mit mehreren Bögen, kann ich leicht feststellen, ob es an mir oder am Bogen liegt. Sollte es am Bogen liegen, hilft auch hier das beste Training nichts. Da kann ich nur raten: Weg mit dem Ding.

Fehlerquelle Pfeil
Ist ein Pfeil zu weich, hat er die Tendenz nach rechts zu gehen. Ist er zu steif, geht er nach links. Bei einem Linkshänder ist es genau umgekehrt. Am besten sieht man das beim Blankschafttest. Ohne Federn schlagen die Pfeile einen regelrechten Haken nach links oder nach rechts. Federn können hier zwar einiges ausgleichen. Hat man aber ein Links-Rechts-Problem, sollte man sich einmal mit den Pfeilen beschäftigen. Man sollte mehrere Pfeile mit unterschiedlichen Spines verwenden. Wandert die Trefferlage nach links oder rechts, wird es wohl daran gelegen haben. Aber Achtung: Der Pfeil muss sauber fliegen, also nicht reiten, wedeln oder trudeln.

Fehlerquelle Schusstechnik
Hat man eine große Streuung, kann das am Können oder aber auch am Bogen liegen. Unter großer Streuung verstehe ich, dass man auf 15 Meter eine 40er-Auflage nicht regelmäßig trifft. Ist aus der Streuung kein Muster zu erkennen, wenn beispielsweise die Pfeile gleichmäßig verteilt auf der Scheibe stecken, wird es wohl das Können sein. Wer eine große Streuung hat, wird unter Umständen bei jeder der nachfolgenden Fehlerquellen feststellen: Es ist nicht dieser oder jener Fehler, sondern es ist mein fehlendes Können. Und dagegen hilft nur Üben, Üben und nochmals Üben.

Wichtig ist also, dass man in der Lage ist, einigermaßen kleine Gruppen schießen zu können. Auch wenn die Pfeile nicht im Zentrum stecken, sondern beispielsweise rechts oben, ist das noch kein Beinbruch. Mit unterschiedlichen Maßnahmen kann man sie in die Mitte bringen.
lerquelle Zieltechnik
Zielen wird hier hauptsächlich als das Finden des richtigen Abschusswinkels bezeichnet. Das kann man mit unterschiedlichen Methoden erreichen. Vom Systemschießen über instinktives Zielen, bis hin zum Gap Shooting ist da alles möglich. Wenn der Winkel nicht stimmt, hilft die beste Schusstechnik nichts.

Fehlerquelle Augen
Ein nicht oft, aber doch immer wieder auftretendes Problem ist die sogenannte Kreuzdominanz. Nicht viele haben sie, nicht alle haben dann damit auch ein Problem, aber einige wenige verzweifeln daran, weil sie immer eine Abweichung nach links (beim Rechtshänder) haben. Im Gegensatz zu so manchem Experten bin ich der Meinung, dass das beim traditionellen Bogenschießen sehr wohl ein Problem ist, vor allem dann, wenn ich auf recht weite Scheiben schieße. Der Grund liegt darin, dass das Gehirn das Bild des rechten Auges filtert und der Schütze das Bild des linken Auges zum Zielen verwendet.