Mit Konsequenz zum Ziel
von Michael Oppenauer
Zur Belustigung aller Anwesenden hatte ich an diesem sonnigen Vormittag auf unserer Samstagsrunde am Parcours des HSV Wöllersdorf meine Nase dermaßen mit der Bogensehne malträtiert, dass von meinem rechten Nasenflügel Blut tropfte. Manch aufmunternde Worte des einen Clubkollegen wurden durch beißende Kommentare der Anderen unterbrochen. Ja klar – alles nicht böse gemeint, aber an diesem Tag war mir plötzlich alles zu viel. Frust und Resignation hatten sich in mir aufgestaut, Zorn und Selbstmitleid stiegen in mir hoch. Die Ereignisse der letzten Wochen waren, was den Bogensport betraf, ein Trauerspiel. Wieder und wieder hatte ich versucht gut gemeinte Tipps von Clubkollegen umzusetzen. Mit dem Erfolg, stetig unsicherer und frustrierter zu werden. Ich stellte alles in Frage und hatte völlig den Spaß an diesem wunderbaren Sport verloren. Ich hatte genug! Genug von den gut gemeinten Tipps und Ratschlägen anderer Bogenschützen und mehr als genug vom gefährlichen Halbwissen selbsternannter Experten im Internet und anderen Medien.
Einige Stunden später an diesem unheilvollen Tag, saß ich verzweifelt vor meinem Laptop. Ich wollte die weite Welt des Internets durchforsten. Doch diesmal war ich nicht auf der Suche nach Erfahrungen und Glaubensbekenntnissen zu Themen wie „Was ist besser, Mediterran oder Drei Finger unter„ oder wegweisenden Abhandlungen zu „Handschuh versus Tab„. Ich war vielmehr auf der Suche nach einem Trainer und Mentor, einem sachkundigen, erfahrenen und didaktisch geschulten Bogenschützen, der mich auf den einen, nämlich MEINEN Weg führt. Ich googelte einfach mal „Traditionelles Bogenschießen, Bogenseminare, Trainer und Training„ und stieß unter anderem auf die Homepage von zwei bekannten Seminaranbietern.
Ich arbeitete mich durch die vielen Berichte und Artikel auf dieser Homepage und hatte das Gefühl, ein durchdachtes Konzept, eine schlüssige Struktur und ein professionelles Tun in den Ausführungen erkennen zu können. Zwischendurch ließ ich immer wieder meine, zu diesem Zeitpunkt erst 15 Monate währende, Bogenkarriere kurz Revue passieren. Es ging ja toll los, im Spätsommer 2016. Schon nach kurzer Zeit gelangen mir respektable Ergebnisse auf unserem Parcours und auf den ersten Turnieren habe ich mich mehr als passabel geschlagen. Es ging alles so leicht, ohne Druck und mit viel Spaß und Begeisterung. Und jetzt? Alles weg! Ich musste was ändern – wieder einmal. Doch diesmal wollte ich nach den richtigen Dingen für mich persönlich suchen. Ob die Trainer mir helfen können? Was wird dort wohl passieren? In diesem Moment hatte ich das Gefühl, versagt zu haben und hilflos auf der Suche nach dem heiligen Kral des Bogensports zu sein. Na und? Schlimmer konnte es ja nicht mehr werden, oder? Augenblicke später schickte ich die Anmeldung für die „Traditional Week„, ein fünftägiges Bogenseminar, ab.
Einige Wochen später machte ich mich auf den Weg nach Siegsdorf/Hallaich in Deutschland. Keinem meiner Clubkollegen hatte ich von meinem Vorhaben, ein Bogenseminar zu besuchen, erzählt. Zu groß war die Angst mit sprichwörtlich leeren Händen, ohne ersichtliche Verbesserung oder gar beeindruckenden Fähigkeiten von diesem Seminar zurück zu kommen. Lästige Fragen nach dem Warum und dem Wieso ich das mache, wollte ich mir ohnedies ersparen. Als ich mich am Parkplatz der Bogensportanlage einparkte, hatte ich ein mulmiges Gefühl. Bei der Anmeldung wurde ich von den beiden Trainern sehr herzlich begrüßt. Die anderen Kursteilnehmer wirkten von Beginn an sympathisch auf mich, es schien sich die richtige Mischung für die nächsten fünf Tage gefunden zu haben. Nach den launigen Begrüßungsworten von Hubert Haigermoser, dem Besitzer der Bogensportanlage, war das Eis gebrochen. Ich hinterfragte meine Entscheidung hierher zu kommen nicht mehr, ich ließ es einfach geschehen – und das war gut so!
Wir starteten gleich richtig los, Videoaufnahmen jedes Kursteilnehmers zum Dokumentieren des Status Quo wurden gemacht und im Anschluss in der Gruppe analysiert. Ich sah mir zum ersten Mal beim Bogenschießen selbst zu – eine ganz neue Erfahrung für mich. Die Stunden vergingen wie im Flug. Theorie und Praxisübungen folgten aufeinander. Geist und Körper waren stets gefordert. Von Beginn an konnte ich die vorgetragenen Inhalte nachvollziehen, traditionelles Bogenschießen neu erfahren. Nach und nach wichen meine Bedenken, meine Ängste und Sorgen – ein gutes Gefühl. Sich Hilfe von Profis zu holen, fühlte sich richtig an. Keine Spur des Gefühls von Schwäche oder gar Versagen, kein Schamgefühl wie in einer Selbsthilfegruppe. Hier war ich richtig!
Das Programm der nächsten Tage war fordernd, aber stets kurzweilig. Ich habe alles an gefährlichem Halbwissen gelöscht, war völlig offen für diesen für mich neuen Zugang zu diesem wunderbaren Sport. Von den beiden Trainern motivierend angeleitet, aber zu keinem Zeitpunkt zu irgendetwas gedrängt. Nach jeder neuen Übung stärkte sich mein Eindruck, den richtigen Weg zu gehen. Einen Weg, den ich mir zwar mit Hilfe der Trainer selbst erarbeiten muss, den ich aber auch nach diesen fünf Tagen unbedingt weitergehen werde.
Ich hatte in diesen fünf Tagen keinen Moment das Gefühl, etwas müsste anders oder sogar besser laufen. Zum ersten Mal habe ich darüber nachgedacht, was ich eigentlich von mir beim Bogensport erwarten kann. Dafür waren die Übungen zur Bestimmung der eigenen Leistungsfähigkeit sehr hilfreich. Wo stehe ich, was kann ich leisten?
In dem Seminar habe ich schnell erkannt, dass technisch gut zu schießen nicht zwangsläufig auch einen tollen Treffer bedeuten muss – und im Gegenzug ein Treffer im Kill nicht unbedingt ein technisch guter Schuss gewesen sein muss. Eine Erkenntnis, die wohl die größte Veränderung für mich bedeutet hat. Bisher hatte ich ja immer nur das Ergebnis im Fokus. „Wer trifft hat recht„ – das war doch jener Spruch, der mich seit meinem ersten Tag als Bogenschütze begleitet hat. Langsam öffnete sich für mich ein ganz neuer Blickwinkel, eine neue Betrachtungsweise des Zusammenspiels von Schussablauf und Treffer. Nie zuvor hatte ich über die Auswirkung einzelner Abläufe nachgedacht, die Ursachen von vermeintlichem Versagen und ärgerlichen Misserfolgen durchleuchtet.
An einem Seminarnachmittag hatten wir die Möglichkeit unser Material checken zu lassen. Mit großer Expertise begutachteten der Trainer und Hubert, der Betreiber des Bogensportzentrums, unser Bogenequipment. Informationen zu Spine, Spline, Pfeil- und Spitzengewicht wurden für alle Teilnehmer leicht verständlich erklärt. Bei jedem Schützen wurde die persönliche Auszugslänge gemessen, um im Anschluss präzise das individuelle Zuggewicht zu bestimmen. Auswirkungen von falscher oder schlecht abgestimmter Ausrüstung wurden uns demonstriert und mit einigen Vorurteilen und Halbweisheiten aufgeräumt. Für mich war es ungemein wichtig zu erfahren, dass mein Equipment gut zu mir und meinem Schussstil passt. Wieder etwas, das mich in den letzten Monaten immer unsicherer werden ließ – der ständige Wechsel von Bogen und sonstigen Ausrüstungsgegenständen, sowie die damit einhergehenden Adaptierungen meines Schussablaufes.
An den letzten beiden Tagen besuchten wir die sehr anspruchsvollen 3-D-Parcours in Kössen und Koppl, beide in Österreich. Ein wunderbarer Abschluss der Traditional Week.
Auf der Heimfahrt versuchte ich meine neu gewonnenen Erfahrungen zu sortieren und die Flut meiner Eindrücke zu verarbeiten. Ich dachte intensiv darüber nach, wie erfolgreich ich das neu Erlernte wohl umsetzen kann. Wie lange werde ich den neu eingeschlagenen Weg weiter gehen, halte ich diesmal durch?
Nach meiner Rückkehr war ich erst mal auf mich allein gestellt. Noch immer hatte ich niemandem von meinem Ausflug erzählt. Ich wollte es doch noch für mich behalten, lieber mit Gezeigtem für Aufmerksamkeit sorgen. Mein erster Schritt, ich trennte mich von meinem Überbestand an Ausrüstung. Beim Bogenschießen habe ich von Beginn an versucht, auf jeder Runde am Parcours, bei jedem Schuss auf ein Ziel, das Neue, mir noch immer Fremde, Stück für Stück zu verinnerlichen – die Änderungen bewusst wahrzunehmen und „ES„ einfach zu tun. Immer wieder feilte ich an jedem einzelnen, kleinen Teil meines Schussablaufes. Mein Ziel war es einen Schussablauf zu kreieren, den ich auch unter Stress und in jedem Gelände ruhig durchführen kann. Mein neuer Schussablauf, aber auch mein neuer Umgang mit Fehlschüssen und kleineren Missgeschicken am Parcours, blieb meinen Clubkollegen nicht verborgen. Nach und nach wurden sie neugierig und stellten Fragen zu meinem offensichtlichen Neubeginn. Nun platzte es aus mir heraus und ich erzählte stundenlang von den fünf wunderbaren Seminartagen. Jede Übung habe ich im Detail erklärt und jeder Eindruck, den ich in diesen Tagen gewonnen hatte, wurde von mir mit Begeisterung beschrieben.
Seitdem sind nun gut sechs Monate vergangen, in denen ich viel Positives, aber auch einige Überraschungen erlebt habe. Noch immer arbeite ich mit Freude an all diesen Dingen, die mir von den Trainern so glaubhaft ans Herz gelegt wurden. Ich halte an meinem Weg fest, auch an meiner Ausrüstung.
Rein sportlich ist es für mich nach dieser Trainingswoche steil bergauf gegangen. Schon auf meinem zweiten Turnier, der Alpine Challenge auf der Planner Alm, konnte ich erstmals einen Stockerlplatz ergattern – und war erstmals bester Schütze meines Vereins. An diesen beiden anstrengenden Turniertagen habe ich das erste Mal gespürt, wie wichtig es ist, an sich zu glauben und an seiner Technik, seinem Schussablauf fest zu halten. Nach der Alpine Challenge habe ich noch weitere Turniere bestritten. Bis dato konnte ich vier weitere Podestplätze, darunter einen ersten Platz, verbuchen und meist als bester Schütze meines Vereins die Turniere beenden. Für meine Bogenkollegen, darunter erfolgsverwöhnte Turnierschützen mit unzähligen Podestplätzen und Meisterschaftsehren, ein neuer Ansporn. Viel überraschender als die guten Platzierungen war für mich, dass ich plötzlich solide Parcoursrunden mit starken Scores auch auf Turnieren schießen konnte. Mein Punkteschnitt bei den letzten Turnieren: 17,0 - 17,6 - 17,93 - 17,75 - 17,29 - 17,82. Für mich ein riesiger Erfolg – ein wunderbares Gefühl!
Übrigens, die Trainer waren Karin und Didi Vorderegger.
Aus meinen Erfahrungen der letzten Zeit habe ich meine persönlichen 10 Gebote des Bogensports erstellt:
Habe stets Freude an dem, was du tust.
Suche von Beginn an Unterstützung bei wahren Experten und finde DEINEN Weg.
Bleib dir selbst und deinem Weg treu.
Arbeite deinen optimalen Schussablauf aus, definiere jeden Teil dieses Ablaufes.
Reproduziere diesen Ablauf so oft und so gut es dir möglich ist.
Arbeite stetig und konzentriert an diesem Ablauf und an deiner gesamten Technik.
Vertraue deinem Material, deiner Technik und deinem Gefühl.
Stelle an einem schlechteren Tag nicht alles in Frage, akzeptiere diesen Umstand und fokussiere dich auf den nächsten Schuss.
nne deine Leistungsfähigkeit und setze dir klar definierte und erreichbare Ziele.
Respektiere deine Kollegen, erfreue dich auch an deren Erfolgen und gib Hilfestellung, falls erwünscht.