Leistungsdruck

Woher er kommt und wie man damit umgehen kann

Der Begriff Leistungsdruck ist sicher jedem ein Begriff. Je nachdem, wie man sich selbst sieht, ist dieser Druck kleiner oder größer. Aber auch Schützen, die von sich behaupten, keinen Leistungsdruck zu haben, verspüren des Öfteren Nervosität, sei es, weil man vor einigen Leuten schießen muss oder weil man in einem Turnier möglichst gut abschneiden will. Am stärksten ist er natürlich bei Menschen, die tatsächlich Turniere oder sogar Meisterschaften gewinnen wollen. Leistungsdruck wird dann ein Problem, wenn damit Versagen verbunden ist.

Wie man das Versagen unter Leistungsdruck verhindern oder vermindern kann, ist nicht so einfach zu beantworten. Will man das tun, muss zuerst geklärt werden, woher der Druck eigentlich stammt und wie es zu schlechten Ergebnissen oder Komplettversagen kommen kann. Druck im Leistungssport kann durch drei verschiedene Ursachen entstehen. Man unterscheidet dabei den inneren Druck, den man sich also selber macht, den Druck aus dem eigenen Umfeld und den Druck von außen. Dazu gibt es nach derzeitigem Forschungsstand drei Theorien, warum es in Drucksituationen oftmals zum Versagen kommt. Zwei Theorien beziehen sich auf die Aufmerksamkeitslenkung, eine dritte auf die Ablenkung.

Woher kann der Leistungsdruck kommen?
Man kann also drei Ursachen, woher der Druck kommt, unterscheiden. Zum einen ist es der Druck von außen, der wiederum zwei unterschiedliche Ursachen haben kann. Er kann z.B. aus dem eigenen Umfeld kommen. Damit sind genau diese Personen und Organisationen gemeint, mit denen man unmittelbar etwas zu tun hat. Dazu zählen Familie, Freunde, Mannschaftskollegen oder aber auch der Trainer oder Coach. Natürlich kann das wiederum auf unterschiedlichen Niveaus passieren.

Ein Hobbyschütze wird unter Umständen versagen, wenn ihm Vereinskollegen explizit zuschauen und er oder sie sich total beobachtet fühlt. Ähnliches stelle ich auch in unseren Bogenseminaren fest. Hier scheitern oft Teilnehmer vor der Videokamera total. Aber auch nur eine Beobachtung meinerseits, ohne dass ich es angekündigt habe, lässt die Leistung sinken; nein, teilweise sogar total aus dem Ruder laufen! Man fühlt sich beobachtet und es funktioniert nichts mehr. Auch wird der eine oder andere Hobbyschütze festgestellt haben, dass man sich auch beim Einschießen vor einem Turnier beobachtet fühlt und daher unter Druck gerät.

Sportlich orientierte Schützen bewegen sich hier auf einem wesentlich höheren Niveau. Da kommt hinzu, dass sie etwas bzw. jemandem etwas beweisen wollen. Und dieser jemand können die Konkurrenten, die Vereinskollegen oder aber auch der eigene Trainer sein. Je höher das Turnier angesiedelt ist, desto schlimmer kann es werden.

Mit dem Druck von außen kann aber auch der Druck der Öffentlichkeit gemeint sein. Und diese wird im Bogensport durch Zuschauer, bei Weltmeisterschaften der WA durch die Übertragung im Live Stream im Internet, repräsentiert. Allein die Anwesenheit eines Fotografen, der während man schießt, ein Foto machen will, kann einen von der Rolle bringen.

Der Druck kann aber auch von innen, von einem selbst kommen. Viele setzen sich selbst ihre Ansprüche so hoch, sodass sie sich unter permanenten Druck setzen. Oft erwarten sie von sich selbst mehr als das eigene Umfeld oder setzen sich selbst unrealistische Ziele und sind nur im absoluten Erfolgsfall mit sich zufrieden, wobei oft ein zweiter oder dritter Platz schon als Niederlage aufgefasst wird. Stichwort: „Der Zweite ist der erste Verlierer“. Obwohl grundsätzlich eine hohe Erwartungshaltung sich selbst gegenüber nicht schlecht ist, braucht man vor einem Wettkampf eine gewisse Anspannung mit einer dazugehörigen Erwartungshaltung. Dabei kommt es aber eben auf die richtige Mischung an.

Erklärungsansätze für Leistungseinbußen unter Leistungsdruck
Warum es in Drucksituationen so häufig zum Scheitern bzw. zu Leistungseinbußen kommt, wird nach derzeitigem Forschungsstand mit drei Theorien erklärt.

Die erste Theorie nennt sich „Ablenkungstheorie“ und bezieht sich darauf, dass es unter Druck zu Störungen der Aufmerksamkeitsprozesse kommt und man dadurch abgelenkt wird. Sie ist aber hauptsächlich für Sportarten, mit komplexen Situationen, z.B. versiedenen Spielsituationen im Fußball, von Bedeutung. Die Ablenkungstheorie ist aber für geschlossene Fertigkeiten, wie Bogenschießen, weniger interessant.

Die gegenteilige Theorie heißt „Explecit Monitoring Theories“ und besagt, dass es dadurch zum Scheitern kommt, weil man die Aufmerksamkeit auf den Ausführungsprozess richtet und dadurch bereits erlernte Automatismen gestört werden. Wer also eine gute Schusstechnik hat, sollte versuchen, diese auch unterbewusst ablaufen zu lassen. Wenn man sich bewusst zu sehr auf die richtige Ausführung konzentriert, kann es zu gewaltigen Fehlleistungen kommen. Diese volle bewusste Konzentration auf die Ausführung sollte nur im Training passieren, und zwar so lange, bis alles unterbewusst abläuft.

Die dritte Theorie ist für das Bogenschießen sehr relevant und nennt sich „Neuromotor Noise Theory“. Diese Theorie wurde bisher nur für kleinräumige Zielbewegungen formuliert und auch nur in diesem Kontext geprüft. Ausgangspunkt der Überlegungen ist die Beobachtung, dass motorisches Verhalten immer mit Ungenauigkeiten verbunden ist. Dabei steht das Ausmaß der Bewegungsungenauigkeit in enger Verbindung mit der Ausführungsgeschwindigkeit. Als Ursache für die Ungenauigkeiten im motorischen Verhalten wird das sogenannte „neuromotorische Rauschen“ angenommen. Dabei wird der Begriff als Sammelbegriff für alle Ungenauigkeiten verstanden, die auf unterschiedlichen Ebenen des motorischen Systems entstehen. Die Ungenauigkeiten im Bewegungsverhalten lassen sich auch im Alltag beobachten, wenn man beispielsweise versucht einen Faden durch ein Nadelöhr zu führen oder auch einfach die Hand ganz ruhig zu halten. Es wird davon ausgegangen, dass dies durch physische, biomechanische und psychologische Faktoren beeinflusst wird. Dieser Zusammenhang ist auch aus Alltagssituationen bekannt, wenn von der sprichwörtlichen „zittrigen Hand“ in besonders wichtigen, aufregenden oder emotionalen Situationen gesprochen wird.

Um diese Ungenauigkeit zu reduzieren, kann man unterschiedliche Methoden anwenden. Eine Möglichkeit der Reduktion besteht darin, beispielsweise das Trägheitsmoment des Bogenarms zu verändern. Ein schwerer Bogen würde dabei helfen. Eine erhöhte Stressbelastung kann auch zu einem Anstieg der muskulären Aktivität führen. Daher ist auch eine Anpassung der beteiligten Muskulatur denkbar. Als weiterer Faktor kann dabei auch die Gliedmaßensteifigkeit angesehen werden. Wer also mit einem gestreckten Bogenarm schießt, kann diese Ungenauigkeiten unter Umständen unterbinden.

Aus den vielen Freiheitsgraden unseres Bewegungsapparates erwächst jedoch nicht nur die Möglichkeit Bewegungen flexibel ausführen und hochgradig an gegebene Anforderungen anpassen zu können, sondern auch die Schwierigkeit diesen komplexen Bewegungsapparat zu kontrollieren.

Werden diese Freiheitsgrade durch irgendetwas eingeschränkt, wird natürlich die Leistung schlechter. Ein Grund dafür ist Zeitdruck. Muss man in einer bestimmten Zeit eine bestimmte Anzahl von Pfeilen schießen, wirkt sich das negativ auf die Bewegungsausführung aus. Auch schießen aus einer höheren, für den Schützen subjektiv gefährlichen oder unangenehmen Position, kann Ähnliches bewirken.

Leistungsdruck üben
Oft zielt sportpsychologisches Training darauf ab, Wettkampfsituationen in Bezug auf Nervosität zu erzeugen. Damit verbunden ist die Hoffnung, dass die geringere Nervosität im Training dann auch im Wettkampf – Stichwort Lockerheit – beibehalten werden kann. Um diese Lockerheit zu erlangen, kann es z.B. hilfreich sein, sich auf den Ablauf anstatt auf das Ergebnis zu fokussieren.

Der wichtigste Unterschied zwischen Training und Wettkampf ist – wie oben dargestellt – der Leistungs- und Konkurrenzdruck. Deshalb sollen wettkampfspezifische Trainingseinheiten durchgespielt werden. Dabei soll man so, wie im tatsächlichen Wettkampf agieren.

Es sollten Wettkämpfe simuliert werden. Die Leistung sollte vorhergesagt werden: „Heute muss ich so viele Punkte erreichen“. Es darf genau einen einzigen Versuch geben, die anvisierte Leistung auch zu erreichen. Wenn es also nicht so läuft wie gedacht, darf man auf keinen Fall die Wettkampfsituation abbrechen. Auch das Training muss als Herausforderung gesehen werden. Hat man es geschafft, kann man sich natürlich selbst belohnen. Diese Belohnung muss aber schon vorher festgelegt werden.

Für jede Trainingseinheit müssen konkrete Ziele formuliert werden, die der eigenen Kontrolle unterliegen. „Heute möchte ich am Release arbeiten und alle Schüsse genau gleich hinbringen“. Man muss sich bewusst machen, was man mit dieser Einheit erreichen möchte. Dadurch trainiert man seine Kompetenzerwartung und übernimmt Verantwortung dafür, dass man sich als Sportler weiterentwickelt.

Man soll sich im Training körperlich und vor allem auch mental in ungewohnte und unangenehme Situationen bringen. Dadurch wird man ganz automatisch Fähigkeiten und Gewohnheiten entwickeln, die dabei helfen, die Trainingsleistungen im Wettkampf abzurufen.

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